"Präsent, aber nicht laut. Eindrücklich, aber nicht imperativ"
„Übergang“ von Katharina Schellenberger | Zedergalerie Landsberg, 12. März 2026
Katharina Schellenberger: Instagram - Website
Galerieverein Landsberg: Website
Aus mir nicht erklärlichen und unbedingt psychoanalytisch abzuklärenden Gründen beschäftige ich mich in meiner kostbaren Freizeit mit Kunst. Hin und wieder bewege ich mich dann sogar in andere Städte, die ich stets noch schlechter finde als meine eigene, vermutlich ist das eine weitere meiner vielen dekonstruktiven und wenig hilfreichen Coping-Strategien.
Getroffen hat es diesmal Landsberg, eine Stadt im Süden, die man als „ein wenig charmant“ beschreiben könnte. Es gibt alles, was man für gewöhnlich so für charmant hält: Gassen, eine abstruse Menge an Kirchen, alte Gebäude (manche etwas schäbig, manche eher nicht), und mittendurch fließt der Lech; alles in allem ist alles ein wenig klein und süß. „Das muss eine tolle Stadt für Rentner sein“, sage ich zu meiner Partnerin in crime, glücklicherweise ist sie klug genug, um nicht auf jede meiner grenzdebilen Äußerungen zu reagieren.
Direkt am zentralen Marktplatz liegt das Hotel „Zum Mohren“, über das ich mich ein anderes Mal aufregen und auskotzen muss; dieses Mal will ich mich erfreulicheren Dingen widmen. Ein paar Schritte weiter, etwas versteckt zwischen Ladenzeilen, liegt der Eingang in die Zederpassage. Eine Mischung aus Berliner Hinterhof-Feeling und italienischen Gassen macht sich in mir breit.
Hätte der Galerieverein hier nicht durch glücklichen Zufall seinen Sitz gefunden, läge diese Fläche brach: die ehemaligen Bespieler:innen der Ladenflächen hatten sich bereits seit Jahren verzogen, da die gewünschten Gewinne trotz der zentralen Lage nicht zu realisieren waren, und die Passage wäre verwaist. Man mag ob der sicher drängenderen Probleme in anderen Städten gerne und zurecht darüber lachen, und dennoch ist dieser kleine verwunschene Ort etwas ganz Besonderes geworden, eben weil er fast nicht geworden wäre. Diese Fläche an diesem Ort (in dieser Lage) mit Kunst befüllen zu dürfen, ist eine Seltenheit geworden in Verhältnissen, in denen überschaubar finanzierbare Gewerbeflächen verschwinden und die Dynamik der Innenstädte immer mehr ein Schau- und Saurennen der top-1%-Unternehmer:innen wird1.
Es ist fast ein wenig so, als ob sich Schellenbergers Ausstellung „Übergang“ unbewusst an die topologischen Gegebenheiten der Zedergalerie angepasst hätte: über einen langgestreckten, eher engen und dunklen Gang mit Vitrinenfenstern gelangt man in das Freie der Passage, einen Weg, der von den kleinen ehemaligen Ladenflächen gesäumt ist, die nun zu gläsernen Galerien umfunktioniert wurden – es sind Schaukästen in Raumgröße, auch das ist mal etwas Neues. Wenn es in Schellenbergers Ausstellung zentral um die Themata der Katharsis, Transformation und Entwicklung geht, gleicht dieser Gang einem Geburtskanal, und alles danach sind nur noch Stationen bis zum Ende der Sackgasse.
Der Galerieverein Landsberg präsentiert hier eine bunte und durchaus auch fulminante Collage aus Schellenbergers Werken: ganz anders als andernorts – nämlich sinnvoll! – stellen alle Stücke eine innere Ordnung dar; nichts wirkt wahllos zusammengekleistert oder, wie sonst üblich, einfach nur in die Leere hinein inszeniert. Da sind zum einen makaber anmutende Miniaturen von Kindsköpfen aus denen Wurzeln erwachsen unter einer Glashaube; daneben die Büste eines Kindes mit übergroß stilisierten roten Händen. Schellenberger beherrscht das Spiel mit der makabren Ahnung, ohne sich dabei um Edgyness oder Affekterheischung bemühen zu müssen. Es gibt keinen insinuierten Schockeffekt, weil alles was bleibt, sich ausschließlich in der Phantasie der Betrachter:innen abspielt und somit auf ihre eigene Verantwortung zurück gewiesen wird. Das wiederum ist um einiges intelligenter und subtiler als jede:r pseudo-Berliner (also Münchner) Edgelord/Edgequeen, die sich mit tätowierten Babypuppen krampfhaft um Nonkonformität und Aufmerksamkeit des Etablissements bemühen muss.
Genau in diesem Bereich zwischen Traum und Alptraum oszillieren (vor allem) die (bildnerischen) Werke: sie strotzen vor Farbe und Lebendigkeit, und sind dabei dennoch nie laut. Sie sind präsent und „viel“ in ihrer Erscheinung, und dennoch nie imperativ oder überfordernd. Das erheischt mir, als einem Liebhaber der stillen Grauzwischentöne, Respekt und einiges an Überraschung ab. Es stellt einen ganz besonderen Balanceakt dar, gerade auf großflächigen Formaten mit eher kräftigen Farben zu arbeiten, ohne dabei jene unsaubere und ungreifbare Grenze zu überschreiten, wo andere Künstler:innen nur überbordend tosen können.
Dieses Spiel zwischen einer raffinierten, aber nie rauen Grobheit und einer subtilen, fragmentarischen und feinen Strichführung ist in den Werken Schellenbergers kein Widerspruch, kein Kontrast, der zueinander stehen muss (um was auch immer zu provozieren), sondern eine gelungene Symbiose und Synthese. Immer wieder treffen fragile und robuste Bildelemente aufeinander, gerade so, als ob sie nicht ohne einander könnten. Natürlich ist das eine Metapher für das übergreifende Thema der Ausstellung (Geburt, Werden, Sterben, Leben usw.), aber es ist eben nicht gerade die dümmste.
Inhaltlich greifen die Werke laut Galerieverein „Zwischenzustände, Übergang und Verwandlung“2 auf, doch mich treibt noch etwas anderes um: es ist die unbestimmte Ahnung von etwas, das nur dem Betrachter zugänglich ist. Gerade die großformatigen Bilder haben es mir angetan3, weil sie die Traumhaftigkeit des Inhalts perfekt im Raum wiederspiegeln. Die Werke sind nicht nur in einem rein formal-ästhetischen Sinne abstrakt (was ohnehin ein absolut begriffsentleerter Terminus ist), sie enthalten einen festen Rest dessen, was erst im Kopf des Betrachters weiter abstrahiert wird; sie sind wie die Ahnung des Traums, die wir behalten, wenn wir erwachen. Nicht ganz konkret, aber auch nicht unkonkret; mehr als Schatten, nur noch ein Nachgeschmack. Völlig passend dazu wechseln sich mythologisch-aufgeladene Fragmente mit surrealen Elementen und Szenerien ab. Ich fühlte mich immer dazu provoziert, noch einmal hinzusehen, als ich mich abwenden wollte, ganz ähnlich den kleinen Pseudo-Halluzinationen im Alltag, die unser Gehirn hin und wieder produziert. Man verlässt ein Bild nie ganz (oder andersherum: ein Bild verlässt einen nie ganz?), wenn man zum nächsten schreitet, es bleibt immer überdauernd etwas bei einem. Und am Ende der Ausstellung ist man baff, dass man sich (immer noch?) in der Landsberger Realität des eigenen Lebens befindet.
Schellenbergers Werke (spezifisch bezogen hier auf die Landsberger Ausstellung in der Zedergalerie) haben eine immanente Eindrücklichkeit, die nie imperativ ist; es gibt keine vorgefertigte Aussage, keine definitive Botschaft, die vom Bild zum Betrachter wechseln sollen; alles, was bleibt, sind Ahnungen dessen, was sein könnte.
Jenes Durchdringen des Blickes durch die Bilder hindurch wird noch einmal verstärkt in ihren Arbeiten mit frei aufgehängtem Transluzenzpapier. Das Bild wird zur Schablone des Blickes – und, auch das ist raffiniert – es wechselt seine Äußerlichkeit durch den Wechsel des Standorts und der Perspektive: Vorder- und Rückseite sind nicht gleich (bzw. nicht einfach nur spiegelverkehrt), sondern enthalten eigene Elemente, die den Blick durch das Werk hindurch abhängig vom Blickwinkel verändern. Das alles macht das Werk um einiges luftiger und unbestimmter, die Autorenschaft Schellenbergers ist jedoch auch hier unverkennbar.
Sollte ich irgendwann (hoffentlich unverdient) zu Reichtum kommen, plane ich fest, Werke diesen Typus’ in Auftrag zu geben. Ich möchte eine hohe Kammer mit Stuckwänden damit schmücken und sie nachts beleuchtet betrachten, wenn mich die Sonne nicht stört.
Transparenzhinweis:
Der Besuch der Ausstellung erfolgte am 12. März 2026.
Der vorliegende Text wurde am 02. April 2026 erstmalig veröffentlicht.Von Mietpreisen und Mietpolitik will ich an dieser Stelle schweigen, denn um sie ist es noch schlechter bestellt, aber dabei geht es ja auch nur um die basalste Existenzgrundlage für Menschen also lol.
Infotext des Galerieverein Landsberg: https://www.galerieverein.de/wp-content/uploads/2026/02/Katharina-Schellenberger_Infotext2.pdf
Unnötig an dieser Stelle zu erwähnen, wie wenig ich mit Skulpturen, Plastiken und Installationen anfangen kann. Sobald ich mich entschieden habe wo „TaTtO-ArT“ steht, veröffentliche ich eine Top-10-List der künstlerischen Gattungen, die ich nicht mehr sehen kann.

